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​Was lange währt, wird endlich gut

Über zwanzig Jahre lang hat Nadia Giger von einer Ausbildung im Pflegebereich geträumt. Dann ist die Mutter von vier Kindern durch den Hinweis ihrer ältesten Tochter auf das Bildungsangebot des BZ Pflege gestossen – und packte ihre Chance. Mit der Teilzeitausbildung zur Pflegefachfrau HF startet sie mit über vierzig Jahren ihre zweite Ausbildung.

Eine typische Studierende des BZ Pflege ist Nadia Giger ganz bestimmt nicht. Die 45-Jährige ist vierfache Mutter, ausgebildete Detailhandelsfachfrau und wohnt im Kanton Solothurn. „Dass ich trotzdem hier studiere, hat einen ganz praktischen Grund: ein Teilzeitstudium zur Pflegefachfrau HF wird in Solothurn nicht angeboten.

Bereits im Alter von 18 Jahren liebäugelt Nadia mit einem Job in der Pflege. Sie bewirbt sich, absolviert ein Praktikum im Spital, traut sich die Arbeit aber nicht zu und begräbt den Traum fürs Erste. „Ich war zu jung damals", sagt sie heute rückblickend. „Und dann ging alles ziemlich schnell." Nach der Sportartikel-Verkaufslehre und einigen Monaten Berufserfahrung wird Nadia Mutter, kümmert sich um die Kinder, die Familie steht an erster Stelle. Sie arbeitet teilzeit bei der Spitex, in den Bereichen Haushalt und Grundpflege, später wieder im erlernten Beruf; im Verkauf, wo sie das Detailhandelsjahr nachholt und abschliesst.
Noch einmal vergrössert sich ihre Familie, vier Kinder sind es nun, die meiste Zeit ist Nadia alleinerziehend. Nach einer Weiterbildung zur Sachbearbeiterin für Personalwesen ist sie in einer KMU im Büro tätig.
Immer wieder kommt sie in all den Jahren mit dem Thema Pflege in Berührung, sei es als Mutter, bei Massagekursen und auch durch die Ausbildung ihrer ältesten Tochter zur Fachfrau Gesundheit (FaGe) und später zur Pflegefachfrau HF an der Solothurner Spitäler AG SoH.

Für die Mutter jedoch bietet sich keine Gelegenheit, in einen Pflegeberuf einzusteigen. „Ich wusste, dass ich nicht weitere zwanzig Jahre im Detailhandel oder Büro arbeiten will", sagt sie. „Aber mit den Kindern eine Vollzeitausbildung absolvieren? Das konnte ich mir nicht vorstellen."

Tochter als Inspiration

Dann kommt das Jahr 2012. Als Nadia Giger ihren Traum vom Pflegeberuf schon fast aufgegeben hat, drückt ihr ihre älteste Tochter einen Flyer in die Hand. Am BZ Pflege in Bern, so steht da, wird seit Kurzem eine Teilzeitausbildung zur Pflegefachfrau HF angeboten. „Das war meine grosse Chance", sagt Nadia heute. „Ich kann es nicht anders sagen: Gäbe es diese Ausbildung nicht, ich hätte den Wechsel in die Pflege nie mehr geschafft."

Sie besucht eine Informationsveranstaltung, schickt das Portfolio ein, absolviert ein zweitägiges Eignungspraktikum, den naturwissenschaftlichen Grundkurs – und beginnt dann mit der Organisation. Wer kümmert sich um die beiden kleineren Kinder? (Bei Ausbildungsbeginn sind sie 5 und 7 jährig).Wie oft wird sie weg sein? Wie soll das alles überhaupt bezahlt werden? Weil Nadia stets erwerbstätig war, hat sie auf die meisten Fragen bereits eine Antwort parat. Im Dorf gibt es eine Tagesmutter, der älteste Sohn hilft bei der Betreuung und die Hausarbeit wird eben gemacht, wenn Zeit bleibt. „Man muss schon gut organisiert sein, um all das zu schaffen", sagt Nadia. „Und wenn die Kinder mal krank sind, stürzt alles zusammen." Dann wollen sie nicht mehr zur Tagesmutter gehen, dann muss die Mutter zu Hause bleiben – und die Schule fällt aus. In Ausnahmefällen liege das drin und es sei im BZ Pflege bislang auch kein Problem gewesen, so Nadia. Würden Absenzen begründet, sei durchaus Verständnis vorhanden.

Volles Programm

Als die Tochter ihr Diplom zur Pflegefachfrau entgegennimmt, beginnt die Mutter mit der Ausbildung: dreieinhalb Tage pro Woche, verteilt auf sechs Semester in vier Kalenderjahren. Im ersten Semester ist vieles neu für Nadia, und doch hält sie gut mit. „Für mich war es ein Glück, dass ich mich mein Leben lang immer weitergebildet habe", sagt sie. „Wenn aber jemand nach zwanzig Jahren zu Hause voll einsteigt, ist das schon krass." In ihrer Klasse trifft Nadia auf viele jüngere und ein paar ältere Mitstudierende, einige, die neben der Schule arbeiten, aber auch viele mit Kindern. Sie geht von nun an um 7 Uhr aus dem Haus, nimmt das Fahrrad, den Bus, dann den Zug, damit sie pünktlich um 8.30 Uhr für den Unterrichtsbeginn im Campus in Bern ist. Lernen muss Nadia am Abend oder am Wochenende, wenn die Kinder im Bett oder auswärts sind. „Wer eine gute Grundausbildung und Interesse am Beruf mitbringt, hat gute Voraussetzungen für die Ausbildung", sagt sie. Ratsam ist bei einer solchen Belastung, die eigenen Ansprüche herunterzuschrauben: „Für mich kann es nicht darum gehen, besonders gut abzuschliessen. Für mich geht es darum, Sicherheit in den Handlungskompetenzen zu erwerben und die Prüfungen zu bestehen."

Praxiserfahrung

Das zweite Semester absolviert Nadia auf Wunsch im Versorgungsbereich der Psychiatrie. Sie wird dem gemeindepsychiatrischen Zentrum (GPZ) in Bümpliz zugeteilt. Hier arbeitet sie erstmals über längere Zeit in der Pflege – und merkt, dass sie auf dem richtigen Weg ist. Während den acht Monaten Praktikum arbeitet Nadia die meiste Zeit im Ambulatorium. Von hier aus wird die wohnortsnahe Langzeitbetreuung von psychisch erkrankten Menschen sichergestellt. Die Patientenorientierten Gespräche sind zentral, das Ausführen kann individuell gestaltet werden und ist auch draussen bei einem Spaziergang möglich. Auch auswärts einen Kaffee trinken stellt für manche Klienten eine grosse Hürde dar. Im Behandlungszimmer nimmt sie Urinproben, führt Blutentnahmen durch, verabreicht Spritzen und richtet mit den Klienten zusammen die Medikamente. Gegen Ende des Praktikums kann sie als Bezugsperson eine Pflegeplanung durchführen.

„Mit der Zeit lernt man, Diagnosen einzuordnen. Man versteht besser, was sich bei psychisch erkrankten Menschen zu einem Problem entwickeln könnte", sagt Nadia. Gleichzeitig habe sie gelernt, dass man gewisse Krankheiten akzeptieren muss, dass es bereits etwas wert ist, wenn sich die Situation nicht verschlechtert. „Ist man jung, hat man das Gefühl, mit viel Einsatz wird alles wieder gut", sagt sie. „Diese Illusion habe ich abgelegt. Dass ich mit einer gewissen Lebenserfahrung in die Ausbildung gestartet bin, kommt mir jetzt zugute."

Während des Praktikums ganz besonders gefallen hat Nadia der Einblick in die Tagesklinik des gemeindepsychiatrischen Zentrums. Da konnte sie den ganzen Tagesablauf miterleben, vom Morgenessen über die Aktivitäten am Nachmittag bis hin zu den Patientengesprächen. „Die Leute zu begleiten, sie auch besser kennenzulernen, das ist definitiv mein Ding", sagt sie. Es sei durchaus denkbar, dass sie später im Bereich Psychiatrie arbeiten werde. Festlegen möchte sich Nadia aber noch nicht – zu sehr interessiert sie sich für andere Bereiche wie die Neurologie, Endokrinologie oder Schmerztherapie.

Grosse Herausforderungen

Weitere Praxiserfahrung wird sie in ihren beiden anderen Praktika in der Langzeit- und der Akutpflege sammeln. Bis dahin erhofft sie sich eine Vertiefung der Themen im dritten Semester – und ein paar freie Tage während der Frühlingsferien. Diese decken sich nämlich nicht mit den Ferien der Kinder, weil das Semester in der Teilzeitausbildung 8 statt 6 Monate dauert. Sie fand das erst unglücklich, sagt Nadia, weil sie ja nun während der Schulferien selbst in der Schule ist. „Aber anders gesehen ist es auch ein Glücksfall: Ich kann endlich mal wieder zu Hause sein, wenn die Kinder in der Schule sind, mal wieder Schulbesuche machen und ganz normal kochen." Es sind die kleinen Sachen, an denen sich Nadia erfreut. So froh sie auch ist, die Ausbildung absolvieren zu können, so betont sie doch eines: „Die Schule ist die eine Herausforderung, die andere ist es, das ganze Drumherum zu organisieren."

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Steckbrief

Name

Nadia Giger

Jahrgang

1969

Zu Hause im Kanton

Solothurn

Ausbildung

Zweijährige Verkaufslehre, Detailhandelsfachfrau, Sachbearbeiterin Personalwesen, Pflegefachfrau HF Teilzeit, Ausrichtung Somat (seit 2013)

Motivation

Mit Menschen arbeiten und dabei einem spannenden und sicheren Beruf  nachgehen, immer wieder Neues lernen, anwenden und weitergeben.

Am BZ Pflege weil

Ich nehme den Weg von Solothurn nach Bern in Kauf, da hier eine Teilzeitausbildung angeboten wird.

Bezug zur Pflege

In meinen über 20 Jahren Erfahrung als Familienfrau und Mutter wurde ich immer wieder mit verschiedenen  Themen über Gesundheit / Krankheit konfrontiert.

Zukunftspläne

Ausbildung abschliessen, in der Pflege arbeiten – z. B. im Bereich Psychiatrie, Neurologie, Endokrinologie, definitiv festgelegt habe ich mich noch nicht, und für meine Familie da sein.

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