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Judith schätzt den Handlungsspielraum

Nach ihrer Ausbildung zur Fachfrau Gesundheit (FaGe) wollte Judith Wyss (23) mehr. Sie wollte mehr Verantwortung übernehmen, mehr verstehen, mehr bewirken. Deshalb lässt sie sich zur dipl. Pflegefachfrau HF ausbilden.

Judith Wyss desinfiziert ihre Hände, öffnet sorgfältig eine kleine Flasche Natriumchlorid, gibt Antibiotikum hinzu und steckt ein Infusionssystem in die Flasche. Jetzt hebt sie Verbindungsstelle an, verfolgt wachsam, wie das Gemisch den durchsichtigen Schlauch immer weiter füllt. „Keine Luftbläschen", sagt sie und lächelt. „Alles in Ordnung." Die Infusion ist bereit für den Patienten.

Es ist Ende Januar 2015, seit vier Monaten absolviert Judith Wyss ein Praktikum im Berner Sonnenhofspital. Für die Studierende am BZ Pflege ist es eine ganz besondere Situation: Die 23-Jährige ist ausgebildete FaGe und hat mehrere Jahre Berufserfahrung in der Psychiatrie – in einem Spital jedoch hat sie noch nie gearbeitet. „Am ersten Tag habe ich meine Betreuerin begleitet und dachte: Oje, das ist so total anders", erinnert sie sich. Das Team habe ihr in dieser ersten Zeit stark geholfen, dennoch musste sie sich richtig reinknien, um mitzukommen, um sich im neuen Pflegeumfeld zu orientieren. „Jetzt freue ich mich umso mehr, dass ich es geschafft habe", sagt Judith vier Monate später. „Es ist toll, auch bei der Pflege im Akutspital Sicherheit zu erlangen. Das wird mir sicher auch in der Psychiatrie zugutekommen."

Faszination Mensch

Judiths Welt war bislang die Psychiatrie. Ihr Vater arbeitet in der psychiatrischen Pflege – was sie als Jugendliche von seinem Beruf mitbekommen hat, die Arbeit mit den Patienten, die Krankheitsbilder, das hat sie fasziniert. „Wieso ein Mensch so ist, wie er ist, diese Frage interessiert mich sehr", sagt Judith. Also macht sie nach dem 10. Schuljahr eine Lehre in einem Wohnheim für psychisch behinderte Menschen, arbeitet unter anderem in einer Aufnahmestation für alkohol- und medikamentenabhängige Menschen. Sie mag ihre Arbeit, sammelt wertvolle Erfahrungen. Doch mit der Zeit interessiert sie sich immer stärker dafür, was ihre Mitarbeitenden mit einem Diplomabschluss machen – was sie machen können. Judith sieht, wie Diplomierte Aufnahme- und Krisengespräche führen, wie sie die Pflegeplanung organisieren und Verlegungen planen und komplexe pflegerische Tätigkeiten erledigen. „Da habe ich gemerkt, dass ich auch Verantwortung übernehmen möchte, wenn es darum geht, was mit den Menschen geschieht, wo ihr Weg hinführt", sagt Judith. „Ich habe gemerkt, dass ich mehr Handlungsspielraum möchte."

Nachhaltiger Wissensaufbau

Mit der Ausbildung am BZ Pflege ist sie auf gutem Weg dazu, ihr Ziel zu erreichen. Da sie bereits eine abgeschlossene Pflegeausbildung vorweisen konnte, dauert ihre Ausbildung zur dipl. Pflegefachfrau HF nur zwei statt drei Jahre. Bereits im ersten Semester am BZ Pflege hat sie festgestellt, dass die Themen vertiefter behandelt und Zusammenhänge stärker verknüpft werden als während ihrer FaGe-Ausbildung. FaGes bringen aber viel Vorwissen mit, welches sie in der Ausbildung zur dipl. Pflegefachfrau HF gut nutzen können. Anstatt sich ständig neues Wissen aneignen zu müssen, kann Judith auf bestehendem Wissen aufbauen. Trotzdem: „Vieles war neu für mich", sagt Judith. „Die ganze Anatomie, die Physiologie, das ist schon sehr interessant." Einen Vorteil hatte sie hingegen bei den Psychologiefächern. „Dank der Berufserfahrung konnte ich dort die Theorie mit den Patientenbeispielen in Verbindung bringen", sagt sie. „Auf die Lektionen habe ich mich jeweils richtig gefreut." Hatte sie früher bei der Arbeit bereits mit dem Krankheitsbild Schizophrenie zu tun, wird das Thema am BZ Pflege vertieft behandelt: Wie sehen die Symptome aus? Wie entsteht die Krankheit? Wie kann die pflegerische Beziehung mit betroffenen Patienten gestaltet werden? Wer bin ich und was bringe ich persönlich mit? All diesen Fragen gehen die Studierenden im ersten Semester nach – in einem angenehmen Umfeld, wie Judith sagt. „Wir haben einen tollen Zusammenhalt in der Klasse", sagt sie. „Ich habe gute Freundinnen gefunden, da geht man gleich viel lieber zur Schule."

Ziele formulieren - Interventionen planen

Ihr aktueller Alltag aber dreht sich um Infusionen, Verbände, um die somatische Pflege. Judith Wyss steht jetzt in der Küche der Abteilung 1 des Sonnenhofspitals und bereitet einen Quarkwickel vor. In den ersten Monaten ihres Praktikums hat sie vor allem bei der Körperpflege, im pflegetechnischen Bereich und bei der post- und präoperationalen Pflege grosse Fortschritte gemacht. „Ich handle nicht nur, sondern überlege mir viel mehr, was dahintersteckt, weshalb etwas gemacht wird", sagt Judith. „Und ich spüre, wie mir mehr Verantwortung übergeben wird." Das erste Semester des Studiums habe ihr bei dieser Entwicklung geholfen. Die postoperative Überwachung etwa hätte sie genau so in der Schule gelernt – im Spital konnte sie die Blätter hervorholen, um die Abläufe nachzuschlagen. Auch die Anwendungen, die sie im Lernbereich Training und Transfer (LTT) praxisnah geübt hatten, sind ihr wieder begegnet. „Eine Infusion aufziehen ist letztlich nicht anders als im LTT", sagt die Studierende. „Das haben wir eins zu eins üben können."

Um eine Erfahrung dem Vater voraus

Der Quarkwickel ist jetzt fertig, die Schichtablösung naht, für Judith Wyss ist bald Feierabend. Von der Arbeit im Spital könne sie sicher viel mitnehmen, sagt Judith. Längerfristig möchte sie aber wieder im psychiatrischen Bereich arbeiten – wie ihr Vater. Ob sie sich mit ihm über die Erfahrungen im Spital austauschen könne? Schon, sagt sie, aber er höre vor allem zu. „Das ist halt ein ganz anderer Bereich", fügt Judith an und lacht. „Bezüglich Spitalleben könnte er inzwischen sogar etwas von mir lernen."

 Impressionen

 

 

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Steckbrief

Name

Judith Wyss

Jahrgang

1991

Ausbildung

FaGe, Psychiatriezentrum Münsingen /  Pflegefachfrau HF verkürzt, Ausrichtung Psychiatrie (seit 2014)

Zu Hause im Kanton

Bern

Motivation

Ich interessiere mich für die Psyche des Menschen – wieso jemand so ist, wie er ist.

Am BZ Pflege weil

Ich möchte Verantwortung übernehmen; mitreden, wenn es um das Wohl der Patienten geht.

Vorbild

Mein Vater, der in der psychiatrischen Pflege arbeitet.

Zukunftspläne

In einem tollen Team arbeiten, zum Pflege-«Crack» werden.

 

Judiths Schlüsselmoment

 

Judiths Schlüsselperson


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