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Sie traut sich

​Judith Wyss hat in der Ausbildung zur diplomierten Pflegefachfrau HF die Gesprächsführung trainiert und dabei einen Moment der Verunsicherung erlebt. Das differenzierte Feedback von Berufsschullehrerin Elisabeth Wüthrich-Güdel schaffte Klarheit und vermittelte Selbstvertrauen.

An diesem Tag steht ein Kommunikationstraining auf dem Stundenplan. Judith Wyss begibt sich in den Lernbereich Training und Transfer des BZ Pflege. Berufsschullehrerin Elisabeth Wüthrich-Güdel erwartet die Studierende bereits – gemeinsam mit einer Schauspielpatientin. Judith Wyss nimmt die schriftliche Anleitung entgegen und liest konzentriert, welche Situation es gleich zu bewältigen gilt. Kurz darauf betritt die 24-Jährige den Raum, wo eine 40-jährige Patientin im Bett liegt, die chronisch krank ist. «Ich musste ihren Krankheitsverlauf erfassen», erinnert sich Judith Wyss. Im Gespräch mit der Schauspielpatientin reagiert die angehende Pflegefachfrau HF empathisch und kompetent. Nach rund zehn Minuten ist die Spielsequenz vorbei. Es folgt die nächste Etappe des Lernprozesses: Die Schauspielpatientin legt ihre Rolle ab und gibt der Studierenden ein Feedback. Sie erklärt ihr, wie sie sich als chronisch Kranke in Gegenwart der Pflegefachfrau gefühlt hat. Judith Wyss hört aufmerksam zu – und stellt fest, dass sich die Rückmeldung der Schauspielpatientin nicht mit ihrer Selbstwahrnehmung deckt. «Ich war verunsichert», erklärt die Studierende.

Die unterschiedliche Wahrnehmung

Berufsschullehrerin Elisabeth Wüthrich-Güdel sass während der Lernsequenz draussen im Korridor und beobachtete die Intervention durch einen Einwegspiegel. Auch sie hat nun die Aufgabe, der Studierenden ein Feedback zu geben. «Das war eine anspruchsvolle Situation», meint sie rückblickend. Als Lehrperson habe sie festgestellt, dass in diesem Fall sowohl die Wahrnehmung der Patientin als auch jene der Studierenden richtig gewesen sei. «Ich habe Judith Wyss zurückgemeldet, dass ihre Einschätzung korrekt ist und dass sie auf sich vertrauen darf», erklärt Elisabeth Wüthrich-Güdel. Denn: «Es kommt in der Praxis immer wieder vor, dass es unterschiedliche Wahrnehmungen gibt.» Diese Subjektivität entspreche der Realität, so die Expertin. Bei Judith Wyss hat dieses differenzierte Feedback für Erleichterung gesorgt: «Ich bin zur Erkenntnis gekommen, dass mein Gefühl richtig war.» Die Verunsicherung legte sich und Selbstvertrauen kam auf.

Das Verhalten reflektieren

Entscheidend an dieser Trainingssequenz ist für Elisabeth Wüthrich-Güdel vor allem eines: «Die Studierende hat eine grosse Bereitschaft gezeigt, ihr Verhalten zu hinterfragen und zu reflektieren.» Judith Wyss bestätigt das – umso mehr, weil sie gefürchtet habe, man könnte ihr Verhalten in dieser Situation als Kritikunfähigkeit interpretieren. «Dem ist aber nicht so», betont die angehende Pflegefachfrau HF. Zurzeit arbeitet sie in einer psychiatrischen Klinik, wo Reflexion und kommunikative Kompetenz ganz besonders gefragt sind. Der Schlüsselmoment mit der Schauspielpatientin wirke sich nachhaltig auf ihren Berufsalltag aus, meint Judith Wyss: «Ich habe realisiert, dass gewisse Dinge nicht mit mir, sondern mit dem Gegenüber zu tun haben.» Solche Situationen müsse man aushalten können.

​Steckbrief Lehrperson

 

Name

Elisabeth Wüthrich-Güdel

Jahrgang

1966

Am BZ Pflege

Seit 2008 im Bereich Ausbildung

Unterrichtet

Verschiedene Fächer mit Fokus auf psychisch erkrankten Menschen

Ausbildung

Diplomierte Psychiatrieschwester PsyKP (Abschluss 1993), diplomierte Berufsschullehrerin HF (Abschluss 2012), MAS in Adult and Professional Education (MAS A&PE)

Praxis

Praxistätigkeit in den Universitären Psychiatrischen Diensten Bern (UPD) unter anderem in den Bereichen Akut, Rehabilitation, Abhängigkeitserkrankungen, Krisenintervention (1993 bis 2008), seit 2012 zu 30 Prozent

Privat

Verheiratet, zwei erwachsene Kinder

Hobbys

Familie, Hund (der auch als Therapiehund in der Psychiatrie im Einsatz war) und Katzen, Garten, auf dem Sofa liegen und ein Buch lesen

Mein Motto

Ich setze auf einen praktisch orientierten Unterricht. Mir liegt daran, dass die Studierenden für das Hier und Jetzt und für die Zukunft lernen.