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Die Nervosität abgelegt

In der Ausbildung zur diplomierten Pflegefachfrau HF legt Judith Wyss den Fokus auf psychisch kranke Menschen. Als ihr Praktikum im Akut-Bereich ansteht, fühlt sie sich deshalb zuerst verunsichert. Die Studierende zögert nicht lange, und spricht offen über ihre Nervosität. Für ihre damalige Berufsbildnerin Giuseppina Cirasolo sind das beste Voraussetzungen für einen erfolgreichen Lernprozess. 


Wie man mit Patientinnen und Patienten umgeht, weiss Judith Wyss schon lange. Ihre Lehre als Fachfrau Gesundheit hat sie in einer psychiatrischen Institution absolviert. Sie entscheidet sich anschliessend für den Bildungsgang zur diplomierten Pflegefachfrau HF und legt auch dort den Fokus auf psychisch kranke Menschen. Als während der Ausbildung ein Praktikum auf der Interdisziplinären Abteilung des Sonnenhofspitals der Lindenhofgruppe in Bern geplant ist, steigt bei der Studierenden die Nervosität: «Ich hatte keinerlei Erfahrungen mit dem Akut-Bereich», sagt Judith Wyss rückblickend. Ihre Hände zittern deshalb ein klein wenig, als sie auf der Abteilung zum ersten Mal einen Patienten versorgen soll, der gerade eine anspruchsvolle Rückenoperation hinter sich hat. In diesem Moment steht Giuseppina Cirasolo «wie ein Schatten» hinter ihr. Die Berufsbildnerin gibt der Studierenden in ruhigem Ton klare Anweisungen, sodass Judith Wyss Schritt für Schritt handeln kann. 


Das Denken angeregt

Giuseppina Cirasolo erinnert sich noch genau an die anfängliche Nervosität der Studierenden – und sagt: «Sie war aufgeregt, aber auch sehr wissensbegierig.» Und das Wichtigste: «Judith hat es kommuniziert und es uns damit ermöglicht, sie gezielt zu unterstützen.» Für die Pflegefachperson, die im Sonnenhofspital – einem Standort der Lindenhofgruppe in Bern – seit 2015 als Berufsbildungsverantwortliche Pflegedienst zuständig ist, sind das ideale Voraussetzungen für einen erfolgreichen Lernprozess. Während sich Judith Wyss um die Patientinnen und Patienten kümmert, beobachtet die Ausbildnerin ihre Handgriffe und gibt ihr bei Bedarf Tipps und Anweisungen. Anschliessend wird die Arbeit ausgewertet: «Giuseppina hat mir viele Fragen gestellt, die mich zum Denken angeregt haben», sagt Judith Wyss. «Ihre kompetente und faire Art haben mich auf meinem beruflichen Weg geprägt.»


Den Rucksack vollgepackt

Auch die Berufsbildnerin hat vom Training mit der Studierenden profitiert. Zum Zeitpunkt des Praktikums befindet sie sich gerade in der Ausbildung zur Erwachsenenbildnerin und kann ihr neu erworbenes Wissen anwenden. So baut sie geschickt auf den vorhandenen Fähigkeiten von Judith Wyss auf und arbeitet mit ihr lösungsorientiert. Als sich an einem Morgen die Ereignisse etwas überstürzen, übernimmt die Berufsbildnerin kurzerhand einen Spitalaustritt, sodass sich die Lernende gezielt auf die Versorgung ihrer Patienten konzentrieren kann. An der Seite von Giuseppina Cirasolo eignet sich Judith Wyss während des Praktikums viel Sicherheit im somatischen Bereich an. «Sie war offen für Alles und wollte einen vollen Rucksack aus dem Praktikum mitnehmen», bemerkt die Berufsbildnerin. Das ist beeindruckend, ist doch für die Studierende von Anfang an klar gewesen, dass sie nach der Ausbildung wieder in der Psychiatrie arbeiten will. Inzwischen hat Judith Wyss ihr Diplom erlangt und arbeitet in einer Drogenanlaufstelle. Sie sagt: «Somatische Aufgaben gehen mir leicht von der Hand. Ich kann zum Beispiel problemlos einem Klienten eine Wunde pflegen.»



Bezugsperson von Judith Wyss


Name

Giuseppina Cirasolo


Jahrgang

1982


Arbeitgeber

Lindenhofgruppe, Standort Sonnenhof


Funktion

Seit 2011 Dozentin im Unterricht Lernbereich Training und Transfer (LTT), seit 2015 Berufsbildungsverantwortliche Pflegedienst


Ausbildung

Diplomierte Pflegefachfrau, Ausbilderin mit eidgenössischem Fachausweis, Akademie für Erwachsenenbildung, anschliessend CAS 1 und CAS 2, Ausbildung zur diplomierten Erwachsenenbildnerin HF, 2015 folgten das CAS 3 und ein MAS in Adult and Professional Education


Werdegang

Praxistätigkeit auf der Inneren Medizin und in einer Frauenklinik in Deutschland. Anschliessend im Sonnenhofspital Bern tätig, von 2007 bis 2008 als Pflegefachperson und 2008 bis 2012 als stellvertretende Stationsleiterin auf einer interdisziplinären Abteilung, seit 2011 als Dozentin im LTT-Unterricht und seit 2015 als Berufsbildungsverantwortliche Pflegedienst


Berufsbildung heisst für mich

Ein lösungs- und zielorientierter Unterricht, der auf Benefits anstatt auf Defiziten aufbaut. Ich sehe meine Rolle darin, die Auszubildenden als Lerncoach in ihrer Entwicklung zu begleiten


Was ich im Leben mag

Natur, Sport, Reisen, liebenswerte Menschen in meinem Umfeld


Mein Motto

Niemals aufgeben, der Schritt nach vorne ermöglicht neue Wege